Es war einmal eine Insel im pazifischen Ozean, weit weg von der nächsten Insel oder dem nächsten Land, 3200 km oder mindestens 17 Tagesreisen in einem Segelkanu bei günstigen Winden.
Sie war wie ein großes Dreieck, eine Seite maß 10 Meilen. Es gab drei Berge, der höchste ragte 500 m über den Meeresspiegel. Das Klima war milde, es regnete ausreichend, viele Vögel gab es und Wälder mit 21 verschiedenen Baumarten. Darunter Bäume mit hartem Holz, am höchsten aber wuchsen riesige Honig-Palmen, die große essbare Nüsse trugen und deren Saft wie Honig war. Insgesamt waren es vielleicht dreihundert mal 100.000 ausgewachsene Bäume. Um die Insel herum gab es Riffe mit vielen Fischen, an den Stränden aalten sich Seehunde und Robben.

Im Jahre 900 nach Christi Geburt machten sich 12 Segelkanus auf den Weg, diese Insel zu entdecken. Und tatsächlich, sie fanden die Insel im riesigen Pazifik.
Nach der glücklichen Landung und nach der Erkundung
ihrer neuen Heimat teilten sie die Insel in 12 Sektoren, ein Sektor für
jede Kanufamilie. Sie lebten und vermehrten sich, ihre Hühner auch. Mit
den Kanus gingen sie auf Fischfang, aber Das Land beackerten sie und bauten
Bananen, Jams, Taro und Gemüse an. Die Bäume brauchten sie, um neue
Kanus zu bauen, natürlich auch ihre Häuser, zum Kochen, Heizen und
zum Einäschern ihrer Toten. Holz war ihr einziger Baustoff, über
Metalle verfügten sie nicht. Aber die Bäume lieferten auch Bast
für ihre Kleidung und hartes Holz für die Speere, mit denen sie
Robben jagten, und auch Palmwedel zum Abdecken ihrer Häuser.
So lebten sie gücklich und vermehrten sich, bis auf der Insel um das Jahr 1400 nach Christi Geburt deutlich mehr als 20.000 Menschen lebten. Inzwischen hatten sie gelernt, das Land in Terrassen zu gliedern und windgeschützte Beete und Felder anzulegen, sie züchteten Hühner und fischten, obwohl das Meer schon merklich weniger Fische lieferte, die Robben waren inzwischen ganz verschwunden. Die 12 Kanufamilien waren zu Sippen geworden, die sich nicht besonders gut verstanden.
Ein merkwürdiger Wettstreit untereinander hatte sich entwickelt, und das war das Errichten von großen, schweren Steinstatuen, richtige Kolosse, bis zu 15 und mehr m hoch, is zu 200 und mehr Tonnen schwer. Es gab nämlich auf dem höchsten Berg, der in der Mitte aufragte, einen Steinbruch, den alle 12 Sippen nutzen konnten. Um solche Statuen zu transportieren braucht man große Bäume, die als Schienen verlegt wurden. Die Statuen selbst wurden auf Holzschlitten gelegt und dann an ihren Bestimmungsort gezogen. Bis zu 70 Männer zogen an einem Schlitten und schafften 15 m am Tag. Zum Aufrichten brauchte man dann wieder lange Balken, die als Hebel eingesetzt wurden. Jede Sippe wollte immer die schönste, schwerste und höchste Statue haben. Insgesamt bauten sie 397 Statuen.
Und
dann gab es plötzlich keine großen Bäume mehr: 300 x 100.000
Bäume waren weg. Weil es so wenig Fische gab, brauchte man mehr Land
für die Felder und Beete, weil 20.000 Leute viel Holz brauchen zum Kochen,
Heizen, Häuser bauen. Ja, bald mussten sogar die Boote verfeuert werden.
Und an Statuen dachte man schon lange nicht mehr.
Im Frühjahr des Jahres 1722 (kann jemand schon erraten, wann genau ?) fand ein holländisches Segelschiff ganz zufällig zu dieser Insel. Der Kapitän berichtete, dass die Insel von höchstens 2000 armseligen hungrigen Eingeborenen bewohnt war, die ganze 5 kleine Boote hatten. Boote aus dünnen Brettern, mit grasähnlichen Pflanzen zusammengeschnürt, keineswegs wasserdicht und nicht zum Fischfang geeignet. Der höchste Strauch auf der Insel war 3 m hoch, Bäume gab es keine. Es gab nur wenige mit Steinmauern geschützte Felder. Und es gab viele riesige merkwürdige Steinstatuen. Man sah aber, dass viel Land aufgegeben war, offensichtlich, weil zu wenig Wasser da war, vielleicht aber auch weil der Mutterboden erodiert vom Wind abgetragen und ins Meer abgeschwemmt war.
Der holländische Kapitän fand die Insel an Ostern. Seit dieser Zeit heißt sie Osterinsel. Das ist ihre wahre Geschichte. Der kümmerliche Rest ihrer Bewohner wurde gerettet. Ohne die Bäume hätte keiner auf Dauer überleben können.
20 x 100.000 Bäumen, das sind 2 Millionen Bäume hätten sicher genügt, um das Überleben von 20.000 oder auch 30.000 Menschen zu gewährleisten. Bis zu 1000 Bäume unterschiedlichen Alters wachsen auf einem ha. Die Einwohner der Osterinsel hätten 2000 bis 3000 ha Wald nachhaltig bewirtschaften müssen, um die Fruchtbarkeit der Insel zu erhalten. Ein großer Baum braucht 20 bis 80 Jahre, bis er gefällt werden kann. 20.000 große Bäume geeignet zum Bauen hätten sie also Jahr für Jahr fällen dürfen. Und dazu noch kleinere Bäume zum Kochen und Heizen. In Mittelamerika rechnet man bei Teakholz-Plantagen mit einem Ertrag von 400 m³/ha innerhalb von 20 Jahren. Für die Osterinsel gehe ich mal von der Hälfte aus. Bei 20.000 Einwohnern hätte jeder einen m³ pro Jahr zur Verfügung.
Die 2 Mio Bäume brauchen 2000 bis 3000 ha. Die Insel verfügt über 17.000 ha. Also auf nicht einmal einem Fünftel der Insel hätte ein nachhaltig bewirtschafteter Wald das Überleben der Bevölkerung gewährleistet.
Auf der ganzen Erde sind wir noch nicht so weit in der Entwicklung. Aber bald. Nur daß die Waldverluste viel dramatischere Folgen haben werden und daß wohl kaum ein Holländerschiff auftauchen wird, um die letzten Überlebenden zu retten.
Auf der Osterinsel gab es keine Ziegen oder Schafe, die in vielen Ländern die Aufzucht von Bäumen sehr schwierig machen. Das Klima auf der Osterinsel ist günstiger als in vielen Ländern der Tropen oder der gemäßigten Klimazonen.
Richtig ist, dass es für Holz viele Alternativen gibt, über die die Osterinselbewohner nicht verfügten. Der Wald schenkt uns aber andere Leistungen, für die auch wir keine Alterntiven haben: Die Wasserversorgung der Erdbevölkerung hängt in hohem Maße von den Wäldern ab. Hier wird Regenwasser gespeichert und über Flüsse kontinu-ierlich abgegeben. Ohne Wälder verdunstet vielerorts das Wasser zu schnell. Wälder brauchen riesige Mengen an CO². Sie reinigen die Luft auch von Staub. Sie schützen vor Erosion.
Können wir dennoch optimistisch in die Zukunft blicken?
Ja !
Denn den armen Polynesiern fehlte das Bewußtsein, daß ihr Schicksal
abhing vom Vorhandensein von Bäumen, von Wald. Wir dagegen wissen um
die Notwendigkeit, ausreichend Wald nachhaltig zu pflegen, denn ohne Wald
fehlt der Erde die Fruchtbarkeit, gerät die Wasserversorgung in Unordnung
und verdirbt unsere Luft. Dieses Wissen müssen wir allerdings zu unserer
Rettung einsetzen.
Aus diesem Wissen muss unverzüglich unser Wollen werden !